Ukrainer fordern Strafe für Graham Phillips für Verhöhnung eines schwer entstellten Kriegsgefangenen

Der ukrainische politische Gefangene Wolodymyr Schemtschugow während eines Geiselaustauschs in der Nähe von Schtschastja, Ukraine, am 17. September 2016. 

Foto: Oleksandr Klymenko, veröffentlicht auf facebook.com/iryna.gerashchenko

Der ukrainische politische Gefangene Wolodymyr Schemtschugow während eines Geiselaustauschs in der Nähe von Schtschastja, Ukraine, am 17. September 2016.

Foto: Oleksandr Klymenko, veröffentlicht auf facebook.com/iryna.gerashchenko  

Empfehlung, Krieg im Donbas, Menschenrechte, Nachrichten

Artikel von: Wiktorija Schuhan
Quelle: euromaidanpress.com
Quelle: Übersetzer: das-ukraineforum.de

Verhöhnung eines Kriegsgefangenen, der beide Arme verloren hat

“Wer hat dir das Hirn gewaschen? Du sprichst wie ein Zombie nach einer Gehirnwäsche… Wer braucht dich jetzt schon, ohne Arme?” – Das sind keine Sätze, die ein schwer entstellter Kriegsgefangener hören sollte, wenige Minuten, bevor er mit seiner Familie nach fast einem Jahr der Gefangenschaft wiedervereint wird. Weder könnten solche Fragen als Teil des Interviews eines Kriegsberichterstatters dienen – noch als Teil einer Recherche über die Freilassung von Kriegsgefangenen bezeichnet werden.

Dies ist jedoch genau das, was der ukrainische Soldat Wolodymyr Schemtschugow, miterleben musste, als er nach seiner Entlassung durch die “Luhansker Volksrepublik” (LNR) am 17. September im von Russland besetzten Donbass wartete.

Der verhasste britische Blogger Graham Phillips, bekannt für seine Zusammenarbeit mit den von Russland unterstützten Separatisten der “Republiken” im Donbass, tauchte am 17. September plötzlich im Krankenwagen eines schwer entstellten Soldaten auf, der auf seinen Gefangenenaustausch wartete.

In einem 5 Minuten-Video, das Phillips  auf seinem YouTube-Kanal hochgeladen hat, ist zu sehen, wie dieser wiederholt den Soldaten als “Zombie” bezeichnete, der “kein intelligenter Mann” sei. Auch sind Beleidigungen in Richtung der ukrainischen Journalisten, die bei dem Austausch vor Ort waren, zu hören.

Schemtschugow, der fast ein Jahr in Gefangenschaft verbracht hatte, erwidert, dass er ein gebildeter Mann sei, ein Patriot, und versichert, dass “die Ukraine ihr eigenes Volk nicht im Stich lassen würde.”


Für Phillips ist solche Art von “Journalismus” (wie er es nennt) keine Ausnahme: Am 22. Januar 2015 beispielsweise filmte er eine “Gefangenenparade” des Militärpersonals der Streitkräfte der Ukraine, während ein paar “aktive Bürger” die Gefangenen lautstark beschimpften und bewarfen.

In Wirklichkeit allerdings erwies sich diese Szene als Fake – die wenigen “aktiven Bürger” wurden mit Fahrzeugen an jenen Ort gebracht, nebeneinander gestellt und durch die russischen Medien in speziellen Winkeln gefilmt und zwar so, dass die Anzahl der dort wirklich vor Ort anwesenden Personen viel größer erschien, als sie es in Wirklichkeit war.

Das Video mit Schemtschugow scheint jedoch nicht die erwartete Reaktion des YouTube-Publikums hervorzurufen. Seit dem 21. September erhielt das Video 3829 “gefällt mir nicht”-Bewertungen im Vergleich zu 1341 -“gefällt mir”-Bewertungen. Desweiteren wird das Video mit pro-ukrainischen Kommentaren bombardiert. “Was für ein elender Journalist”, “Ich denke, er wird nach der Befreiung der ukrainischen Gebiete als Terrorist verfolgt werden, für den Fall, das er nicht von den russischen Terroristen eleminiert wird, oder aber er rennt vor der Bestrafung für seine Verbrechen davon,” so ein Kommentar von Kolja Schtscherbina.

Selbstmordversuch, um der Gefangenschaft in der “LNR” zu entgehen

Am 28. September 2015 wurde Wolodymyr Schemtschugow, der sich selbst als “Luhansker Partisan des ukrainischen Untergrundes” bezeichnet, aufgrund einer versehentlichen Minen-Detonation durch einen Stolperdraht schwer verletzt. Als Einwohner von Luhansk mit russischer Staatsbürgerschaft entschied er sich, sich den ukrainischen Streitkräften als Aufklärungsmitarbeiter anzuschliessen und später als Partisan gegen russische Soldaten in dem besetzten Luhansker Oblast zu kämpfen.

Nach der Detonation schleppte sich Schemtschugow in Richtung einer Straße, in der Hoffnung, von einem Auto überfahren zu werden. Dort wurde er jedoch von “LNR” Militanten gefunden, die ihn in die Reanimation verlegten, unter Verhören und unter Arrest.

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In Gefangenschaft wurden Wolodymyr beide Arme amputiert, er verlor fast sein komplettes Augenlicht nach einer Netzhautablösung , erlitt ein beschädigtes Trommelfell, ein Teil seines Darms wurde entfernt und ein Schrapnell ist in seinem Körper verblieben. Als Geisel erhielt er nur eine Notfallbehandlung und war ständig dem psychischen Druck, wie Drohungen mit einer Pistole oder Todes-Bedrohungen gegen seine Familie ausgesetzt.

Wolodymyrs Ehefrau bat den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte, die EU-Delegation in der Ukraine, die vier Teilnehmer des Normandieformates, Präsident Poroschenko, und sogar an den Papst und die Königin von Großbritannien, ihren Mann zu helfen, während er noch am Leben sei. Schließlich wurde er ausgetauscht, am 17. September 2016 wurde der Austausch angeordnet.

Schemtschugow wird sich nun der medizinischen Behandlung und Rehabilitation unterziehen. Doch seine Chancen sein Augenlicht zurückzugewinnen, sind gering, da er fast das gesamte Jahr in “LNR” Gefängnissen ohne Behandlung verbracht hatte. Hätte der Austausch am 17. November 2015 stattgefunden, wie es geplant war, bevor diese durch Anordnung von Seiten der “LNR” verhindert wurden, wären seine Chancen deutlich höher gewesen, sagte Geraschtschenko.

 

Strafe für Graham Phillips

“Als Schemtschugow aus dem Krankenwagen kam und sich auf unsere Jungs des ukrainischen Sicherheitsdienstes lehnte, tanzte und hüpfte eine menschenähnliche Kreatur um ihn herum”, so die Vizeparlamentssprecherin Iryna Geraschtschenko bei Facebook nach dem Vorfall mit Phillips. Laut Geraschtschenko lachte der “Unterhändler” der LNR fröhlich bei der Szene hinter dem Rücken von Phillips, und die OSZE-Beobachter, griffen während der Szene ebenfalls nicht ein, um eine Provokation zu vermeiden. Die Vizesprecherin erklärte, dass es Phillips Ziel war, den Austausch zu stören.

Am 19. September präsentierten ukrainische Parlamentarier und Journalisten, das Video von Phillips auf einer Sitzung der Parlamentarische Versammlung des Europarates (PACE). Laut Geraschtschenko kann ein solches Verhalten von Phillips als verbotene Methode der Beeinflussung, Verspottung einer Geisel und psychologische Folter eingestuft werden. Wolodymyr Arijew, ukrainischer MP und der Vorsitzende der ukrainischen Delegation bei PACE, ist der gleichen Meinung. Geraschtschenko hat die Einlegung einer Beschwerde an den britischen Gerichtshof in Bezug auf Folterung eines Kriegsgefangenen vorgeschlagen.

Eine ähnliche Initiative kam auch von empörten ukrainischen Bürgern. Am 18. September postete die ukrainische Aktivistin, Ludmila Elbourne, die in London lebt, einen Appell an die neue britische Premierministerin Theresa May, auf deren Facebook-Profil.

“In Anbetracht, dass Herr Phillips stolz darauf ist, sich als britischer Journalist zu identifizieren, und dass die britische Regierung Unterstützung für die legitime ukrainische Regierung erklärt hat, ist es vielleicht möglich, Mr. Phillips Reisedokumente zu entziehen? Seine erklärte Unterstützung für den Terrorismus in der Ostukraine allein, macht das sicherlich möglich?” fordert Elbourne.

Innerhalb von drei Tagen erhielt sie für diesen Kommentar über 20.000 Likes und löste weitere böse Kommentare von Ukrainern aus, die eine Bestrafung von Phillips für sein Verhalten fordern, sowie erklärten, er würde mit seiner russischen Propaganda die britische Krone beschämen. Mai hat sich bis jetzt dazu weder auf Facebook, noch in einer offiziellen Erklärung geäussert.

Ein weiterer Aufruf, Phillips zur Verantwortung zu ziehen, kam von dem Pentagon-Mitarbeiter, David Jewberg. Am 20. September veröffentlicht er einen Brief an britische Beamten gerichtet, er drängt darin “den Vorfall zu untersuchen und Mr. Phillips in vollem Umfang der britischen Gesetze für seine terroristischen Tätigkeiten und seinen rechtswidrigen Aufenthalt in der besetzten Ukraine, zu verfolgen.”

Am 21. September berichtete die ukrainischen Polizei, dass eineinhalb Tausend Menschen seit Beginn des Konflikts im Osten der Ukraine vermisst werden. Anfang September sagte Geraschtschenko, dass 498 Menschen noch nicht gefunden worden seien. Nach offiziellen Angaben des Sicherheitsdienstes der Ukraine vom 14. September, befinden sich 112 Ukrainer derzeit in Gefangenschaft der sogenannten “LNR / DNR”.

Artikel von: Wiktorija Schuhan
Quelle: euromaidanpress.com
Quelle: Übersetzer: das-ukraineforum.de

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