Drei Jahre nach dem Euromaidan – Erinnerung an eine Revolution

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Meinung & Analyse

Artikel von: Joerg Drescher

Alles begann am 21. November 2013 gegen 20 Uhr mit einem Post von Mustafa Nayyem bei Facebook. Der damalige Journalist fragte darin, wer bereit sei, bis Mitternacht zum Maidan zu kommen. Er schrieb, dass Likes nicht zählen, sondern nur Kommentare mit dem Inhalt „Ich bin bereit“. Sobald über 1.000 Kommentare zusammen seien, würde man sich organisieren. Nur eine Stunde später postete er wieder bei Facebook und bei Twitter: „Wir treffen uns um 22:30 unter dem Denkmal der Unabhängigkeit. Zieht Euch warm an, bringt Regenschirme, Tee, Kaffee, gute Laune und Freunde mit.“

Grund für diesen Aufruf war, dass die ukrainischen Regierung am Nachmittag des gleichen Tags per Dekret [Seite 10] beschloss, das seit September 2008 verhandelte Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union nicht auf dem Gipfeltreffen der Östlichen Partnerschaft in Vilnius am 29. November 2013 zu unterzeichnen. In dem Dekret gab die ukrainische Regierung als Begründung an, zuerst die nationalen Sicherheitsinteressen prüfen zu wollen, da durch das Abkommen mit möglichen Produktionsausfälle wegen der Handelsbeziehungen mit Russland und anderen GUS-Mitgliedsländern zu rechnen sei.

Am ersten Protestabend kamen in Kiew ein paar hundert Personen zusammen, denen die Bedenken ihrer Regierung egal waren. Sie wollten endlich Nägel mit Köpfen sehen, damit sich in ihrem Land etwas ändert. Und diese Erwartung knüpften sie an die Unterzeichnung des Assoziierungsabkommens, das auf 1.200 Seiten verschiedene politische Ziele im Bereich Demokratie und Rechtsstaatlichkeit enthielt, sowie Maßnahmen zur Korruptionsbekämpfung und einen wirtschaftlichen Teil.

An den folgenden Tagen blieb die Anzahl der Demonstranten relativ konstant bei zirka 2.000 Personen, wobei die Teilnehmer der Aktion meist junge Menschen waren. Am 24. November 2013 gab es einen großen Protestmarsch durch Kiew. Daraufhin wurde den Studenten an vielen Universitäten damit gedroht, dass jene Exmatrikulation werden, die sich an den Protesten beteiligen. Doch diese Abschreckungsmaßnahme hatte den gegenteiligen Effekt, wodurch die Zahl der Protestteilnehmer nur zusätzlich anstieg.

Trotz ihrer Präsenz wurde das Assoziierungsabkommen dann am 29. November 2013 in Vilnius nicht unterzeichnet. Deshalb strömten an diesem Tag Tausende auf den Unabhängigkeitsplatz in Kiew, um dagegen zu demonstrieren.

In den frühen Morgenstunden am 30. November 2013 versuchten Spezialkräfte der Polizei das verbliebene Protestlager mit aller Härte zu räumen, wobei es mehrere Verletzte gab. Begründet wurde die Räumung damit, dass auf dem Platz der Aufbau des alljährlichen Weihnachtsbaums weiter gehen solle.

Die vertriebenen Demonstranten flüchteten zum Teil in das nahegelegene St. Michaelskloster, von wo aus Studenten am 1. Dezember mit Megafonen durch die Straßen der Hauptstadt marschierten und riefen: „Kiew, steh’ auf!“

Diesem Aufruf folgten abertausende Menschen allen Alters, die sich trotz Versammlungsverbot auf dem Maidan trafen. Eltern und Großeltern kamen, da sie mit Entsetzen davon erfahren hatten, wie junge Studenten von der Staatsmacht verprügelt wurden. Damit war eine rote Linie überschritten worden, die den Zorn des Volkes hervorrief.

Ab diesem Zeitpunkt stand auch nicht mehr das Assoziierungsabkommen im Zentrum der Proteste, sondern die Forderung, dass diejenigen zurücktreten, die für diesen Gewaltexzess verantwortlich gemacht wurden: der Präsident Viktor Janukowitsch und dessen Regierung.

Es ging jetzt um die Würde des Menschen, weshalb die darauffolgenden Ereignisse jenes Winters in der Ukraine auch „Revolution der Würde“ genannt werden. Das Volk erhob sich gegen die Staatsführung und die politische Elite als Ganzes. Deshalb ist es eine verkürzte Interpretation zu meinen, damals habe es sich alleinig um einen Konflikt über die politische Ausrichtung der Ukraine nach Europa gehandelt, der zwischen der politische Opposition und der amtierenden Regierung entfacht wurde.

Es folgen Meinungen über die Ereignisse jenes Winters in der Ukraine und wie sie die darauffolgenden Entwicklung bewerten.

Im Rückblick sagt Sergey Kosyak, evangelischer Pfarrer aus Donezk und derzeit in der frontnahen Kleinstadt Marjinka:

Der Maidan war für mich so etwas wie das Aufflammen von Hoffnung. Und das wurde „Revolution der Würde“ genannt. Die Menschen fühlten sich plötzlich frei und spürten, dass Änderungen im Leben möglich sind. Das grundlegende Ziel des Maidan war nicht, Janukowitsch und dessen Regierungspartei zu verjagen. Vielmehr ging es um die Würde des Menschen und die Achtung von Recht und Freiheit. Ich denke, der Maidan ist noch nicht abgeschlossen. Er muss sogar noch weitergehen. In Kiew sollen sich die Mächtigen nicht zu sicher sein. Das Ziel des Maidan bestand nicht in einem Regierungswechsel, sondern darin, dass der Einzelne in unserer Gesellschaft mit seiner Stimme etwas zählt. Deshalb war der Maidan nur der Beginn einer gesellschaftlichen Änderung.

Oleg, ein Student, der heute auf dem Maidan geknüpfte Bändchen in den Nationalfarben gelb-blau verkauft:

Vor drei Jahren war ich jedes Wochenende auf dem Maidan. Doch was hat es letztlich gebracht? Um ehrlich zu sein, hätte es den Maidan nicht gegeben, wäre es heute besser. Im Nachhinein war es Blödsinn, denn so schlecht war es vor dem Maidan auch wieder nicht. Heute haben wir deshalb einen Krieg im Land. Es sind Menschen gestorben. Alles ist teurer geworden und nur die Diebe in den staatlichen Institutionen wurden ausgetauscht. Ich wünsche mir Personen in der Politik, denen es wirklich um die Menschen geht, statt ums eigene Geld. Aber mir fällt es enorm schwer, zu glauben, dass es besser wird.

Mariyka Yemets, Dolmetscherin für Englisch und Französisch, arbeitet beim Ukraine Crisis Media Center:

Ich war damals im vierten Studienjahr. Ende November 2013 wollten wir noch, dass Janukowitsch das Assoziierungsabkommen unterzeichnet, statt durch das Hin und Her immer nur Geld zu fordern und alles hinauszuzögern. Wir sahen gerade im politischen Teil dieses Abkommens eine enorme Chance für unser Land. Im Nachhinein denke ich, dass wir auf dem richtigen Weg waren und es immer noch sind. Störend wirkt natürlich, dass sich Russland auf der Krim und im Donbass in die Angelegenheiten der Ukraine einmischt. Trotzdem ist in der relativ kurzen Zeit bereits viel passiert. Ein Zurück wird es nicht geben. Aber ich glaube auch, dass es noch weitere 10, 20 Jahre braucht, bis wir eine neue Generation von Politikern haben, die sich wirklich für die Belange der Bevölkerung einsetzt. Ich sehe sie teilweise schon heute, doch noch sind es zu wenige. Aber es liegt auch an uns selbst, diese Änderungen mitzutragen und deren reale Umsetzung einzufordern.

Ralf Haska war von 2009 bis 2015 deutscher Pfarrer der evangelisch-lutherischen Gemeinde in Kiew:

Ich wurde irgendwann gefragt, ob man die Bewegung des Maidans tatsächlich als Revolution bezeichnen kann. Meine Antwort: Die Ukrainer haben selbst einen passenden Ausdruck gefunden: „Die Revolution der Würde“. Ja, Würde. Das beschreibt es gut. Viel hatten die Menschen ertragen: dass sie in die Passivität gedrängt wurden, dass sie keine Entwicklungschancen hatten, dass sie für alles und jeden und für jede Dienstleistung auch ungerechtfertigt zu zahlen hatten, dass sie mit ansehen mussten, wie Verbrecher an der Regierung den Staatshaushalt plünderten, dass sie immer und immer wieder, tagtäglich, erfahren mussten, dass das Recht nur für die galt, die bezahlen konnten. Ja, das war sie, eine Revolution der Würde. Und alle Kirchen, alle Konfessionen, ja alle Religionen standen einhellig zusammen, wobei die Solidarität sehr groß war. Wir erlebten eine wunderbare ökumenische Gemeinschaft. Und von Anfang an spürten wir, dass sich hier nicht nur ein beliebiger Protest gegen eine Entscheidung einer Regierung breit macht, sondern dass es hier um die Würde der Menschen geht. Der Einzelne verstand sich plötzlich wieder als jemand, der das Recht hat, in seinem Leben Pläne zu schmieden. Der das Recht hat, selbst zu bestimmen, wie er sein Leben ausrichtet. Der das Recht hat, ein Leben zu führen, das tatsächlich menschenwürdig ist. Wohin der Weg führen wird, ist weiterhin unklar. Aber wohl eines ist sicher: Zurück geht er nicht mehr. Nicht mehr zurück in die Sklaverei. Gott hat anderes vor.

Tetyana Ogarkova, Lehrbeauftragte bei der Kiew-Mohyla-Akademie und Journalistin bei Hromadske.TV:

Der Maidan war die schönste, aber auch die tragischste Zeit für uns Ukrainer, die ich je erlebt habe. Es ging nicht nur um die Amtsenthebung von Janukowitsch, sondern auch um ein aufrichtiges Streben nach Freiheit, Menschenrechten und Würde. Nach drei Jahren ist die Zeit auf dem Maidan immer noch für Millionen Menschen unvergesslich. Aber die eigentlichen Ziele des Maidan, wie Rechtsstaatlichkeit, Transparenz, Europäische Werte und viele andere sind leider immer noch in weiter Ferne. Es gab in mehreren Bereichen des sozialen Lebens Fortschritte. Reformen wurden eingeführt, aber das ist sicher noch nicht das Ende der Reise. Es müssen noch viel mehr Dinge getan werden. Und es braucht sehr viel Druck, um die Politiker wach zu halten. Aber die Lehre des Maidan ist weiterhin optimistisch und es geht nur darum: „Wir schaffen das“.

Artikel von: Joerg Drescher

Bild: privat

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