Der neue „Sarkophag“ für Tschernobyl ist fertig

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1. Dezember 2016 • Nachrichten

Artikel von: Joerg Drescher

Fährt man von Kiew nach Norden Richtung Tschernobyl, kommt man nach knapp zwei Stunden an einen Checkpoint. Dahinter liegt die Sperrzone, die sich im Radius von zirka 30 Kilometer um Tschernobyl erstreckt. Nach der Kontrolle geht es eine Straße entlang, die von Bäumen gesäumt ist. Dort stehen verlassene und zerfallene Häuser, die einmal ein Dorf bildeten. Diese Gegend wurden im Mai 1986 evakuiert, nachdem der Reaktorblock Nummer 4 des Atomkraftwerks von Tschernobyl explodiert war und die Gegend radioaktiv verseuchte.

Bis Ende November 1986 wurde eiligst eine provisorische Schutzhülle für den havarierten Reaktorblock gebaut. Doch bereits Ende 1988 erklärten sowjetische Wissenschaftler, dass dieser Schutzmantel maximal 30 Jahre halte.

Jetzt, 30 Jahre später, lud die Europäisch Bank für Wiederaufbau und Entwicklung am 29. November zur Schließung des sogenannten „New Safe Confinement“ am ehemaligen Reaktorblock nach Tschernobyl ein. Dieser „NSC“ ist ein weiterer Sarkophag und gilt als größtes bewegliches Bauwerk der Geschichte. Er wurde nun über den alten Sarkophag geschoben.

Diese neue Schutzhülle soll den alten Sarkophag ersetzen. Sie wiegt zirka 36.000 Tonnen und hat eine Spannweite von 257 Meter, eine Länge von 162 Meter und eine Höhe von 108 Meter. Der NSC ist auf mindestens 100 Jahre konzipiert, wobei er aktive Elemente enthält, die 2017 in Betrieb gehen sollen. So wird zum Beispiel der Luft Feuchtigkeit entzogen, damit die Stahlkonstruktion nicht unter Korrosion leidet, wie es beim alten Sarkophag der Fall war.

Dieser NSC ist allerdings nur ein Schritt. Hauptziele waren, dass etwaige Strahlungsauswirkungen, sowie die Verbreitung von ionisierender Strahlung und radioaktiven Substanzen eingegrenzt werden. Außerdem soll es diese neue Schutzhülle ermöglichen, sämtliche Strukturen abzubauen, sowie zirka 150 Tonnen teilweise geschmolzenen Kernbrennstoffs aus dem Inneren des alten Sarkophags zu bergen.

1997 wurde die Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung nach Verhandlungen zwischen der Ukraine und den G7-Staaten beauftragt, den „Chernobyl Shelter Fund“ einzurichten und zu verwalten. In diesem Topf wurde Geld von Geberländern und Organisationen gesammelt, um die damals geschätzten Gesamtkosten von zirka 2 Milliarden Euro für den Umsetzungsplan der Schutzhülle (englisch „Shelter Implementation Plan“) zu stemmen.

Für die Ukraine allein wäre dieses Non-Profit-Projekt unmöglich gewesen. Die Bank beteiligte sich selbst mit 500 Millionen Euro. Weitere 45 Länder und Organisationen gaben ebenfalls hohe Summen für dieses Gemeinschaftsprojekt, darunter die Europäische Union und die Vereinigten Staaten.

Im Juli 2004 verabschiedete das ukrainische Ministerkabinett das Gesamtkonzept für die neue Schutzhülle und die dazugehörigen Projekte. Im August 2007 wurde bekannt gegeben, dass das Konsortium „Novarka“ die Ausschreibung für den Bau der neuen Schutzhülle gewonnen hatte. Nach weitreichenden Vorarbeiten wurde mit dem Bau Ende 2010 begonnen.

Ein weiteres Bauprojekt neben dem ehemaligen Reaktor sieht ein Zwischenlager vor: die „Interim Spent Fuel Storage Facility“. Dort sollen die über 20.000 Brennelemente aus den Reaktorblöcken 1, 2 und 3 verarbeitet, getrocknet und zerkleinert werden. Es ist geplant, die verarbeiteten Brennelemente für mindestens 100 Jahre auf dem Gelände zu lagern.

Die Anlage „Liquid Radioactive Waste Treatment Plant“ ist bereits fertiggestellt. Darin soll der flüssige radioaktive Abfall, der bislang auf dem Gelände in Tanks aufbewahrt wird, in feste Form umgewandelt werden, um diesen über lange Zeit lagern zu können.

Außerdem ist in der Sperrzone geplant, eine Solarkraftanlage mit einer Kapazität von bis zu 1.600 GW zu bauen. Der derzeitige ukrainische Umweltminister Ostap Semerak schätzt die Investitionskosten auf etwa 1 Mrd. USD, wobei sich nach seinen Angaben chinesische Unternehmen für dieses Solarprojekt interessieren.

Den verlassenen Häuser in der Sperrzone wird dies alles trotzdem nicht helfen. Die Natur holte sich bereits die einst kultivierten Flächen zurück, wo nun trotz radioaktiver Verstrahlung wild Bäume wachsen. Doch diese Strahlung ist noch über Jahrhunderte für Menschen gefährlich, weshalb die 100 Jahre für den neuen Sarkophag im Vergleich zu den Halbwertzeiten der radioaktiven Substanzen in dem verseuchten Gebiet sehr gering anmuten.

Artikel von: Joerg Drescher

Bild: privat

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