Timothy Snyder: Die Verlockung der Verantwortungslosigkeit – Deutschlands verdrängtes Kolonialerbe in der Ukraine

Unsortiert

Artikel von: Timothy Snyder

Am 20. Juni 2017 fand im Deutschen Bundestag ein Gespräch über Deutschlands historische Verantwortung für die Ukraine statt. Als Sprecher geladen war u.a. der Historiker Timothy Snyder (Yale University), dessen wichtigen Impulsvortrag wir hier in deutscher Übersetzung vorstellen (das englische Originaltranskript finden Sie hier). Im Anschluss folgte eine Podiumsdiskussion unter Leitung des deutschen Historikers Wilfried Jilge. Das Fachgespräch war organisiert von Marieluise Beck (Bündnis ’90/Die Grünen), die im vergangenen Monat einen Antrag zur deutschen Verantwortung gegenüber der Ukraine im Bundestag eingebracht hatte.

Wenn wir uns fragen, warum historische Verantwortung übernommen werden sollte, warum Deutschland historische Verantwortung übernehmen sollte, dann will ich aus einer globalen Perspektive antworten.

Ich möchte nicht zu Ihnen als Amerikaner kommen und sagen: “Wir haben unsere Vergangenheit verstanden, und deswegen läuft in unserem Land jetzt alles rund.” Im Gegenteil: ich denke, dass es sehr wichtig für uns ist, – egal ob die Dinge gut laufen, oder schlecht, ob wir Amerikaner sind, Deutsche oder Russen – bescheiden zu sein, was unsere Schwächen im Umgang mit der eigenen Vergangenheit angeht. Und vor allem ist es wichtig, dass wir realistisch sind, einfühlsam und besorgt, dass ein Versagen, die eigene nationale Vergangenheit aufzuarbeiten, erstaunlich schwerwiegende, plötzliche und schmerzhafte Konsequenzen haben kann – für die Vergangenheit, wie auch für die Zukunft.

Wir mögen uns dabei folgendes fragen: “Warum sollten wir gerade im jetzigen Moment historische Verantwortung diskutieren? Warum, wenn Russland gerade die Ukraine angegriffen hat, und einen Teil von ihr besetzt hält; warum, wenn die Brexit-Verhandlungen gerade begonnen haben; warum, wenn zur Zeit Populisten bei einer ganzen Reihe europäischer Wahlen um die Macht ringen; warum, wenn das Verfassungssystem der Vereinigten Staaten von Innen bedroht ist – warum sollten wir gerade in diesem Moment historische Verantwortung diskutieren?”

Meine Antwort darauf ist, dass wir genau aus diesen Gründen über historische Verantwortung sprechen müssen. Es gibt viele Gründe für die Probleme innerhalb der Europäischen Union, und es gibt viele Gründe für die Krise der Rechtstaatlichkeit in den Vereinigten Staaten – aber einer dieser Gründe ist genau die Unfähigkeit, mit bestimmten Aspekten der Geschichte umzugehen.

Deshalb komme ich zu Ihnen nicht mit der Einbildung, dass die Amerikaner den Durchblick besitzen. Im Gegenteil: Lassen Sie mich über Deutschland sprechen, indem ich mit den Vereinigten Staaten beginne.

 

Das Grenzimperium und die Sklavenarbeit

“Das amerikanische Grenzimperium stützte sich vorwiegend auf Sklavenarbeit. Es war genau dieses Modell, das Adolf Hitler bewunderte.”

Warum besitzen wir die Regierung, die wir jetzt besitzen?

In erheblichem Maße deswegen, weil wir Amerikaner es nicht geschafft haben, die historische Verantwortung für einige wichtige Aspekte unserer eigenen Geschichte zu übernehmen.

Wie können wir im Jahre 2017 einen Präsidenten besitzen, der unverantwortlich agiert, wenn es um Rassismus geht? Wie können wir im Jahr 2017 einen Generalstaatsanwalt besitzen, der Anhänger “weißer Überlegenheit” ist?

Weil wir es nicht geschafft haben, wichtige Fragen unserer eigenen Vergangenheit zu beantworten. Nicht nur zur Geschichte des Zweiten Weltkrieges. Es mag aus der Entfernung nicht wahrnehmbar sein, wie radikal die derzeitige Präsidialverwaltung versucht, die Einstellung der Amerikaner zum 2. Weltkrieg zu revidieren.

Aber wenn unsere Außenpolitik nach dem Motto “America first” geführt wird, dann beziehen wir uns auf eine isolationistische und sehr oft auch rassistische weiße Bewegung, die dazu diente, Amerika davon abzuhalten, in den Krieg gegen den Faschismus einzutreten.

Wenn wir dem Holocaust gedenken, ohne Juden zu erwähnen, wenn der Sprecher des Präsidenten sagt, dass Hitler nur seine eigenen Leute umgebracht hätte – dann leben wir in einer völlig anderen geistigen und moralischen Welt, als noch vor ein paar Monaten.

Aber das ist nicht alles. Wir besitzen ebenso eine Präsidialverwaltung, in der sich der Präsident laut wundert, warum wir einen Bürgerkrieg gekämpft haben, und weshalb die Sklaverei in Amerika zu einem Konflikt führen musste.

Ich sage das nicht nur, weil ich jetzt jede Gelegenheit ergreife, mich in die Innenpolitik meines eigenen Landes einzumischen, sondern weil uns die Frage der Sklaverei, die Frage, was eine Kolonie ist, was ein Imperium ist, direkt zu dem führt, was ich als den “Blinden Fleck des deutschen historischen Gedächtnisses” bezeichne.

Wie Sie alle wissen, stützte sich das amerikanische Grenzimperium zu großen Teilen auf Sklavenarbeit. Weniger erinnern wir uns daran, dass es genau dieses Modell eines Grenzkolonialismus war, eines Grenzimperiums, das Adolf Hitler bewunderte. Wenn Hitler über die Vereinigten Staaten sprach, dann tat er dies, zumindest vor dem Krieg, mit Bewunderung. Und Hitler stellte sich die Frage: wer werden die rassisch Untergeordneten sein? Wer werden die Sklaven des deutschen Ostreiches sein?

Die Antwort die er gab, sowohl in “Mein Kampf”, als auch in seinem zweiten Buch und in der  Eroberungspraxis von 1941 war: Die Ukrainer.

Die Ukrainer sollten sich im Mittelpunkt eines Kolonialisations- und Versklavungsprojektes befinden. Die Ukrainer sollten als Afrikaner, als Neger behandelt werden – dieses Wort fiel sehr oft, wie diejenigen von Ihnen wissen, die deutsche Dokumente aus der Kriegszeit lesen – in Analogie zu den Vereinigten Staaten.

Die Idee war, ein sich auf Sklaverei stützendes Vernichtungsregime in Osteuropa zu schaffen, dessen Zentrum sich in der Ukraine befinden sollte.

Generalplan_Ost.svg

Schema des Generalplans Ost, ursprünglich erstellt von der Friedrich-Wilhelms-Universität für Agrarwesen 1942. Quelle: Wikimedia Commons


So – Ihnen wurde schon oft erzählt, was daraus folgte, deswegen lassen Sie mich das nur kurz zusammenfassen.

Der Sinn des Zweiten Weltkriegs, aus Hitlers Perspektive, war die Eroberung der Ukraine. Es macht daher keinen Sinn, irgendeinem Teil des Zweiten Weltkrieges zu gedenken, ohne mit der Ukraine zu beginnen. Jedes Gedenken des 2. Weltkrieges, in dem es um die Absichten der Nazis, die ideologischen, wirtschaftlichen und politischen Absichten des Naziregimes geht, muss genau mit der Ukraine beginnen.

Und das ist nicht nur eine theoretische Angelegenheit, sondern eine praktische. Die deutschen Taktiken, die Taktiken, an die wir uns erinnen, waren präzise auf die Ukraine fokussiert: Der Hungerplan, der vorsah, dass “zig Millionen” Menschen im Winter 1941 sterben würden; der Generalplan Ost, mit seiner Idee, dass Millionen weitere Menschen zwangsdeportiert oder in den folgenden 5, 10 oder 15 Jahren getötet werden; aber auch die „Endlösung”, Hitlers Idee der vollständigen Ermordung der Juden – all diese Taktiken waren in der Theorie und in der Praxis  mit der Idee einer Invasion der Sowjetunion verbunden, deren Hauptziel es sein würde, die Ukraine zu erobern.

Als Folge dieser kriegerischen Ideologie wurden ungefähr 3,5 Millionen Bewohner der Sowjetukraine, Zivilisten, Opfer der deutschen Mordkampagnen zwischen 1941 und 1945. Zusätzlich zu diesen 3,5 Millionen starben ungefähr 3 Millionen Ukrainer, Bewohner der Sowjetukraine, als Soldaten in der Roten Armee, oder starben direkt an Folgen des Krieges.

Und diese Zahlen sind alleine die Zahlen für die Bewohner der Sowjetukraine. Natürlich sind die Opferzahlen größer, wenn man die ganze Sowjetunion hinzunimmt. Aber es ist aus zwei Gründen sinnvoll, den Unterschied zwischen der Ukraine und dem Rest der Sowjetunion genauer herauszuarbeiten.

  1. Die Ukraine war das Hauptkriegsziel. Die Ukraine befand sich im Zentrum von Hitlers ideologischem Kolonialismus. Darüber hinaus war in der Realität das gesamte Territorium der Sowjetukraine fast den ganzen Krieg über besetzt. Das ist der Grund, warum für die Ukrainer heute der Krieg etwas ist, was vor Ort stattfindet, und nicht irgendwo anders.
  2. Hitler hatte nie geplant, mehr als 10% des sowjetrussischen Territoriums zu erobern. In der Praxis hielten die deutschen Armeen zu keinem Zeitpunkt mehr als 5% von Sowjetrussland besetzt, und auch das nur für einen relativ kurzen Zeitabschnitt.

 

Die historische Verantwortung Deutschlands beginnt mit der Ukraine

Die Russen haben im 2. Weltkrieg auf eine Weise gelitten, die für Westeuropäer unvorstellbar ist, selbst für Deutsche. Aber dennoch, wenn wir an die Sowjetunion denken, dann nimmt die Sowjetukraine einen sehr besonderen Platz ein, selbst im Vergleich zu Sowjetrussland. In absoluten Zahlen starben mehr Bewohner der Sowjetukraine im 2. Weltkrieg als Bewohner Sowjetrusslands. Und das sind die Berechnungen russischer Historiker. Was bedeutet, dass relativ gesehen, die Ukraine während des Krieges einem viel, viel höheren Risiko als Sowjetrussland ausgesetzt war. Anders gesagt, es ist wichtig, den deutschen Vernichtungskrieg als einen Krieg gegen die Sowjetunion zu sehen – aber in seinem Zentrum befand sich die Sowjetukraine.

“Hitler hatte nie geplant, mehr als 10% von Sowjetrussland zu erobern”

Wenn wir daher über die deutsche Verantwortung für Russland sprechen wollen, dann ist das sehr gut – aber diese Diskussion muss mit der Ukraine beginnen. Die Ukraine befindet sich auf dem Weg nach Russland, und die bösartigste Absicht und die destruktivste Praxis des deutschen Krieges zeigte sich genau in der Ukraine.

Wenn eine deutsche historische Verantwortung für den Osten ernst gemeint sein soll, dann muss sich das Wort “Ukraine” im ersten Satz befinden.

Das gilt auch für die längste, ernsthafteste und – so denke ich – wichtigste Diskussion, was die deutsche Verantwortung für den Osten angeht, also die deutsche Verantwortung für den Massenmorden an den Juden in Europa. Das ist eine weitere Diskussion, die ohne Erwähnung der Ukraine keinen Sinn macht.

Während ich zu diesem Parlamentsgebäude hier ging, lief ich an dem berühmten Foto vorbei, auf dem Willy Brandts Kniefall vor dem Denkmal des Warschauer Ghettoaufstands zu sehen ist.

brandt

Der Warschauer Kniefall Willy Brandts 1970. Quelle: Wikimedia Commons

Der Kniefall war ein wichtiger Wendepunkt in der Geschichte der deutschen Selbstwahrnehmung, der deutschen Verantwortung. Aber ich würde Sie jetzt bitten, sich zurückzuerinnern, und zwar nicht an Brandts Kniefall in Warschau 1970, sondern an Jürgen Stroop in Warschau 1943. Jürgen Stroop, der deutsche Polizeichef, der für die Niederschlagung des Warschauer Ghettoaufstands verantwortlich war, der seinen Männer die Befehle gab, mit Flammenwerfern von Stockwerk zu Stockwerk zu gehen, um die Warschauer Juden zu ermorden, die immer noch am Leben waren.

Als man Jürgen Stroop fragte: “Warum haben Sie das getan? Warum haben Sie die Juden ermordet, die im Warschauer Ghetto immer noch am Leben waren?”, war seine Antwort: “Die ukrainische Kornkammer. Milch und Honig der Ukraine.”

Selbst als er 1943 in Warschau Juden ermordete, dachte Jürgen Stroop an Deutschlands kolonialen Krieg in der Ukraine.

Der Holocaust ist organisch mit dem Vernichtungskrieg von 1941 verbunden, und er ist organisch und integral mit dem Versuch verbunden, die Ukraine zu eroben. Dies stimmt auf drei Arten:

  1. Die Ukraine ist der Grund des Krieges. Hätte Hitler nicht die koloniale Idee gehabt, in Osteuropa einen Krieg zu führen, um die Ukraine zu kontrollieren – hätte es diesen Plan nicht gegeben -, dann hätte es keinen Holocaust geben können. Denn es war dieser Plan, der die deutschen Kräfte nach Osteuropa brachte, wo die Juden lebten;
  2. Der tatsächliche Krieg brachte die Wehrmacht, die SS und die deutsche Polizei an die Orte, wo man die Juden ermorden konnte;
  3. Die Methoden: 1941 realisierten die Deutschen auf Grund der Massaker an Orten wie Kamianets-Podilsky, oder noch berüchtigter, Babyn Jar am Rande von Kyiw, dass man so etwas wie einen Holocaust durchführen konnte. Dort geschah es, dass zum ersten Mal – nicht nur das erste Mal in der Geschichte des Krieges, sondern das erste Mal in der Geschichte der Menschheit – zehntausende Menschen mit Kugeln in einem fortgesetzten und groß angelegten Massaker ermordet wurden. Es waren Ereignisse wie diese auf dem Territorium der Ukraine, die klar machten, das so etwas wie ein Holocaust durchgeführt werden kann.

Was bedeutet das? Es bedeutet, dass jeder Deutsche, der sich ernsthaft mit der Verantwortung für den Holocaust auseinandersetzt, auch die Geschichte der deutschen Besatzung der Ukraine ernst nehmen muss.

Oder anders gesagt: indem man die Geschichte der deutschen Besatzung der Ukraine ernst nimmt, nimmt man die Geschichte des Holocausts ernst.

 

Ukrainischer Nationalismus und Verantwortung

Wie bewerten wir jetzt die Frage der deutschen Verantwortung? Was ist mit den Ukrainern selbst? Sollten die Ukrainer nicht selbst darüber diskutieren, über das, was in der besetzten Ukraine während des 2. Weltkrieges passiert ist? Ist der ukrainische Nationalismus nicht ein wichtiges Thema, das man diskutieren sollte?

Natürlich ist er das. Ich habe meine ganze Berufslaufbahn damit verbracht, über ukrainischen Nationalismus zu schreiben. Das ist der Grund, warum man mich als Professor der Yale University vorstellen kann – weil ich über den ukrainischen Nationalismus schrieb, über ukrainische Nationalisten und die ethnischen Säuberungen gegen Polen 1943. Weil ich den ersten Artikel in einer westlichen Sprache über die Rolle der ukrainischen Polizei während des Holocausts publizierte und wie dies zu den ethnischen Säuberungen gegen die Polen 1943 führte.

Der ukrainische Nationalismus ist eine reale historische Erscheinung, und man sollte ihn mit Verstand studieren – so wie das einige hier im Publikum besser und in jüngerer Zeit als ich getan haben.

Aber wenn wir nicht in Kyiw sprechen, sondern in Berlin, wenn wir von der deutschen historischen Verantwortung sprechen, dann müssen wir realisieren, dass der ukrainische Nationalismus eine der Konsequenzen des deutschen Krieges in Osteuropas ist. Der ukrainische Nationalismus war eine relativ kleine Kraft im Zwischenkriegspolen, und wurde von der deutschen Abwehr finanziert.

Die ukrainischen Nationalisten in den polnischen Gefängnissen wurden exakt wegen der deutschen Invasion Polens 1939 freigelassen. Als Deutschland und die Sowjetunion Polen 1939 gemeinsam überfielen, und dabei den polnischen Staat zerstörten, zerstörte dies auch alle legalen politischen Parteien, inklusive aller legalen ukrainischen Parteien, die zu diesem Zeitpunkt viel wichtiger waren als die ukrainischen Nationalisten.

Deshalb müssen wir, wenn wir uns in Kyiw befinden, die Rolle der ukrainischen Nationalisten im Holocaust und in der Kollaboration diskutieren. Als ich im September in Kyiw war, um anlässlich des 75. Jahrestag [des Massakers von Babyn Jar] zu sprechen, war das genau der Punkt, den ich dort anschnitt.

Aber wenn wir uns in Deutschland befinden, ist es sehr wichtig, dass der ukrainische Nationalismus als Teil der deutschen Verantwortung gesehen wird. Er ist nicht etwas, das der deutschen Verantwortung im Wege stehen könnte; er ist keine Ausrede, um deutsche Verantwortung zu vermeiden.

Der ukrainische Nationalismus war Teil der deutschen Besatzungspolitik, und wenn man ein Land besetzt, dann muss man für die gewählten Taktiken und die gewählte Besatzungspolitik auch die Verantwortung übernehmen. Daher darf der ukrainische Nationalismus kein Grund für die Deutschen sein, nicht an ihre Verantwortung zu denken. Im Gegenteil, er ist ein weiterer Grund, um an die deutsche Verantwortung zu denken.

Ich habe jetzt allerdings lange genug über dieses Thema gesprochen. Es ist sehr wichtig, dass wir nicht nur über Nationalisten sprechen, wenn wir über die Ukraine sprechen. Nationalisten sind ein relativ kleiner Teil der ukrainischen Geschichte und ein relativ kleiner Teil der ukrainischen Gegenwart.

Wenn wir an die deutsche Besatzung der Ukraine denken, müssen wir an ein paar einfache und banale Punkte denken, die sich oft unserer Aufmerksamkeit entziehen.

Zum Beispiel, dass es keine besondere Korrelation zwischen Nationalität und Kollaboration gab. Russen haben kollaboriert, Krimtataren haben kollaboriert. Jeder hat kollaboriert; es gibt keine, soweit wir das sagen können, Korrelation zwischen Ethnie und Kollaboration, natürlich mit der teilweisen Ausnahme der Volksdeutschen. Im Allgemeinen gibt es aber keine Korrelation zwischen Ethnie und Kollaboration.

Ein weiter Punkt, den wir nicht vergessen sollten: die übergroße Mehrheit derjenigen, die mit der deutschen Besatzung kollaborierten, war nicht politisch motiviert. Sie kollaborierten mit einer existierenden Besatzung, welche eine historische Verantwortung Deutschlands war. Eine unbequeme Tatsache, die niemals ausgesprochen wird, weil sie wirklich für jeden unangenehm ist, war, dass mehr ukrainische Kommunisten mit den deutschen kollaborierten, als ukrainische Nationalisten. Das macht keinen Sinn, deswegen sagt es nie jemand, aber genau das war der Fall. Wesentlich mehr Mitglieder der Kommunistischen Partei kollaborierten mit der deutschen Besatzung, als ukrainische Nationalisten.

Übrigens hatten sehr viele derjenigen, die mit der deutschen Besatzung kollaborierten, vorher mit der sowjetischen Politik der 1930er kollaboriert.

Diese Punkte sind – obwohl sie sehr einfach sind, und völlig offensichtlich, wenn man es sich überlegt – typisch für die ukrainische Geschichte. Sie sind typisch für die Tatsache, dass die Ukraine erst als Teil der Sowjetunion beherrscht wurde, und dann von einer unglaublich blutigen und zerstörerischen deutschen Besatzung. Wenn wir daran denken, wie die Besatzung endete, übersehen wir oft einige einfache Punkte, wie die folgenden.

Unverhältnismäßig mehr Ukrainer starben beim Kampf gegen die Wehrmacht, als auf der Seite der Wehrmacht starben – was man nicht über alle Länder sagen kann, die als Alliierte bezeichnet werden.

Man kann es zum Beispiel nicht über Frankreich sagen, und das ist der Grund, warum man keine “Offizielle Französische Geschichte des 2. Weltkrieges” schreiben kann, und es selbst unter Macron keine geben wird. Es gibt ein paar Dinge, die Macron nicht kann, und eines davon wird das Folgende sein: er wird nicht die offizielle Geschichte des 2. Weltkrieges in Frankreich schreiben, weil mehr französische Soldaten auf der Seite der Achsenmächte gekämpft haben, als auf Seite der Aliierten (OK, Sie fanden das wohl nicht ganz so witzig, wie ich).

Und: Mehr Ukrainer kämpften und starben auf der Seite der Aliierten, als Franzosen, Briten und Amerikaner zusammen. Warum sehen wir das nicht?

Weil wir vergessen, dass die Ukrainer in der Roten Armee gekämpft haben. Wir verwechseln die Rote Armee mit der Russischen Armee, die sie aber ganz sicher nicht war. Die Rote Armee war die Armee der Sowjetunion, in der die Ukrainer wegen der Geographie des Krieges substantiell überrepräsentiert waren.

Wenn wir deshalb daran denken, wie die Besatzung endete, dann müssen wir auch daran denken, wo sich die Ukrainer die meiste Zeit befanden: dass die Ukrainer während der deutschen Besatzung litten, bei der ungefähr 3,5 Millionen ukrainische Zivilisten, meist Frauen und Kinder, getötet wurden, und noch einmal 3 Millionen Ukrainer beim Kampf in der Roten Armee gegen die Wehrmacht starben.

Geistige Verlockungen als Erbe der Kolonialisierung

“Der Versuch, ein anderes Volk zu versklaven, kann selbst für nachfolgende Generationen nicht unschuldig sein”

Wo bleibt jetzt Deutschland, warum ist das komplizierter, als es scheinen mag? Als Historiker weiß ich, dass die Geschichte der Ukraine wenig bekannt ist, und kompliziert erscheinen kann – aber das ist nicht das einzige Problem.

Ein Teil des Problems beruht – worauf ich schon hinwies, als ich mein Land am Anfang erwähnte – auf geistigen Gewohnheiten, die mit Kolonialisierung, Angriffskriegen und dem Versuch, andere Völker zu versklaven, zusammenhängen.

Der Versuch, ein anderes Volk zu versklaven kann selbst für die folgenden Generationen nicht unschuldig sein. Der Versuch, ein anderes Volk zu versklaven, wird seine Spuren hinterlassen, wenn man sich damit nicht direkt auseinandersetzt. Und, um es noch schlimmer zu machen, in Europa herrscht heute nicht das Umfeld, in dem solche Diskussionen emotionslos geführt werden können.

Wir befinden uns gerade an einem Moment, an dem deutsche Versuche, die eigene Verantwortung zu diskutierten, immer gleichzeitig Teil einer Diskussion sind, die von anderer Seite über Verantwortung geführt wird.

Warum erinnert man sich nicht immer daran, dass sich die Ukraine im Zentrum von Hitlers Ideologie befand, der deutschen Kriegsplanung, daran, dass die Ukrainer als die Sklaven der Deutschen gedacht waren?

Warum denkt man nicht immer daran, dass man die Ukrainer in rassistischen Kategorien wahrnahm, der Naziideologie entsprechend; dass wenn wir den Holocaust verstehen wollen, wir mit der Ukraine beginnen müssen?

Warum denken wir nicht immer daran, dass 6,5 Millionen Bewohner der Sowjetunion als Folge der deutschen Besatzung starben?

Es gibt viele Gründe, aber einer davon ist die geistige Verlockung, als Erbe der Kolonialisierung, ein Volk zu übersehen, dass man nicht als Volk wahrgenommen hatte. Die Rede von der Ukraine als failed state, oder den Ukrainern als keine echte Nation, oder den Ukrainern als kulturell geteilt – diese Rede ist in der deutschen Sprache nicht unschuldig. Sie ist ein Erbe des Versuchs ein Volk zu kolonialisieren, das man nicht als Volk anerkannte.

Urteile über die Ukraine, bei denen man die Ukraine an besonderen Standards misst – nicht, dass sie ein schöner Ort ist, in vielerlei Hinsicht ist sie das nicht – aber das Anlegen von Phrasen wie die Nichtexistenz einer ukrainischen Nation, oder die Nichtexistenz eines ukrainischen Staates – wenn man diese Dinge auf Deutsch sagt, ohne sich direkt mit dem deutschen Versuch der Versklavung der Ukrainer auseinanderzusetzen, dann sind diese Worte nicht unschuldig, dann müssen diese Worte in Deutschland historisch reflektiert werden.

Es gibt noch ein spezielles Problem damit, das ich am Schluss kurz erwähnen möchte. Es ist genau diese Verlockung für die Deutschen, sich der Verantwortung zu entziehen, die von der russischen Außenpolitik gefördert wird. Es ist russische Außenpolitik, die Geschichte der Sowjetunion in zwei Teile zu teilen: Den guten Teil, der der russische Teil ist, und den schlechten Teil, der der ukrainische Teil ist.

Ich kann das für Sie schneller zusammenfassen, als das ein offizielles Memo der russischen Außenpolitik könnte: Befreiung – Russisch; Kollaboration – Ukrainisch.

Das ist die Linie, die sie sehr konsequent fahren, und die in Deutschland sehr effektiv ist.

Die russische Außenpolitik betrachtet das deutsche Verantwortungsgefühl als Ressource, die man manipulieren kann. Und die große Verlockung besteht darin, dass Deutschland, das so viel getan hat, und das auf vielfache Weise beispielhaft ist, was den Umgang mit der Vergangenheit angeht, scheitern wird in diesem zentralen und wichtigen Punkt, der Ukraine, auf Grund der Verlockung, die Russland bereitstellt.

Es ist so einfach, die Sowjetunion mit Russland zu verwechseln. Es passiert die ganze Zeit. Aber das ist nicht unschuldig. Russische Diplomaten tun es, aber kein Deutscher sollte das tun. Kein Deutscher sollte die Sowjetunion mit Russland verwechseln, das sollte einfach niemals passieren.

Aber Russland betreibt Erinnerungspolitik, in dem es seine Unverantwortlichkeit exportiert. Damit werden anderen Länder dazu verlockt, die eigene Einstellung gegenüber der Ukraine einzunehmen, die es selbst besetzt. Und das ist besonders evident in dem Konzept der ukrainischen Nationalisten, die ein echtes historisches Phänomen sind, das aber weit, weit aufgeblasen wurde im Diskurs zwischen Russland und den Deutschen.

Der ukrainische Nationalismus war einer der Gründe, den Stalin für die große Hungersnot 1933-1934 anführte, für die massive Deportation der Bewohner der Sowjetukraine nach dem 2. Weltkrieg, und für die russische Invasion der Ukraine 2014.

Es gibt hier eine gemeinsame Genealogie, und eine Verlockung speziell für die Deutschen, denn wenn es ein Krieg gegen den [ukrainischen] Nationalismus war, warum sollten dann die Deutschen diesen Krieg ablehnen?

Wenn die ukrainische Regierung nationalistisch war, warum sollte Deutschland irgendetwas tun, um Russland zu stoppen?

Es besteht die Gefahr, dass man sich auf einen geistigen Molotow-Ribbentrop-Pakt einlässt, in dem die Deutschen mit den Russen darin übereinkommen, dass man das Böse, das aus Berlin und Moskau kam, auf die Ukrainer abwälzen kann. Es ist so einfach, so bequem, so verlockend zu sagen: “Haben wir Deutschen uns nicht lange genug entschuldigt? Sind wir nicht schon Modell für alle anderen?”

Das ist eine sehr verlockende Falle, in die man geraten kann, aber ich kann Ihnen aus meiner Erfahrung als Amerikaner sagen: wenn Sie die Geschichte der Kolonisierung und Sklaverei falsch verstehen, dann kann das zurückkehren. Und Ihre Geschichte mit der Ukraine ist genau das, eine Geschichte der Kolonialisierung und der Sklaverei.

Wenn sich das Erbe des deutschen Nationalismus, das immer noch vorhanden ist, auf der Linken, wie auf der Rechten, mit einem dominanten russischen Nationalismus zusammentut, wenn sich dort eine gemeinsame Basis findet – nach dem Motto: “Es ist alles die Schuld der Ukraine; warum sollten wir uns entschuldigen, warum solltet Ihr euch erinnern?” – dann ist genau das eine Gefahr für Deutschland als Demokratie.

Also: Es ist eine Angelegenheit der Ukrainer, die Verantwortung für die ukrainische Kollaboration zu ergreifen, oder die ukrainische Partizipation in der deutschen Besatzung. Es ist auch eine Angelegenheit für die Ukrainer, die ukrainische Rolle bei Stalins Terrorpolitik zu bestimmen, anstelle einfach zu behaupten, dass dies eine russische Politik gewesen wäre – denn sie war keine. Es war eine sowjetische Politik, und Ukrainer spielten in dieser eine Rolle. Das ist eine historische Arbeit, die den Ukrainern bevorsteht.

Als ich im September in der Ukraine war, und über Babyn Jar sprach, als ich vor einer Millionen ukrainischer Fernsehzuschauer stand – da war mein Punkt der folgende: Man sollte Babyn Jar nicht wegen der Juden gedenken. Man sollte dem Holocaust in der Ukraine wegen der Rolle gedenken, den er dabei spielt, in der Ukraine eine verantwortliche Zivilgesellschaft aufzubauen, und in Zukunft hoffentlich eine funktionierende Demokratie. Das gilt für die Ukraine, aber das gilt auch für mich, und für Sie, und für uns alle.

Nicht, um der Ukraine zu helfen, sondern Deutschland

Der Sinn, sich an die deutsche Verantwortung für die 6,5 Millionen Toten zu erinnern, die der deutsche Krieg gegen die Sowjetunion in der Ukraine gekostet hat, liegt nicht darin, der Ukraine zu helfen. Die Ukrainer wissen von diesen Verbrechen. Die Ukrainer, die Kinder und Enkelkinder und Urenkel dieser Generation leben bereits mit dem Erbe dieser Verbrechen.

Der Sinn ist nicht, der Ukraine zu helfen, sondern Deutschland.

Deutschland als Demokratie kann sich im Moment nicht leisten, besonders in diesem historischen Moment, in dem wir es mit einem Brexit zu tun haben, mit Populisten, die reihenweise bei den Wahlen antreten, mit im Niedergang befindlichen Vereinigten Staaten – genau in diesem Moment kann sich Deutschland nicht leisten, wichtige Aspekte seiner Geschichte misszuverstehen.

Genau in diesem Moment sollte das deutsche Verantwortungsgefühl seine Lücken schließen. Vielleicht war bisher die Frage, ob Deutschland seine Vergangenheit aufarbeitet, eine Angelegenheit, die nur Deutsche betraf. Vielleicht war zur Zeit des Historikerstreits die Geschichte des Holocausts nur eine Angelegenheit für Deutsche.

Es muss für die Deutschen getan werden, aber die Konsequenzen sind international.

Dass wir die Geschichte der Ukraine 2013 und 2014 falsch verstanden haben, hatte europäische Folgen. Wenn wir heute die ukrainische Geschichte falsch verstehen, da Deutschland die führende Demokratie des Westens ist, wird dies internationale Folgen haben.


Lesen Sie bei uns auch: 

Artikel von: Timothy Snyder

Schlagworte:, , , , , , ,