Antisemitismusforscher Lichatschew: “Putin hat in Auschwitz nichts verloren”

Die russische Propaganda bezeichnet die Ukrainer als Faschisten, und die westliche Presse sucht Nazis und Antisemiten auf dem Maidan und unter den Kämpfern der Freiwilligenbataillone. Währenddessen zeigte sich vor Kurzem im Laufe des Moskauer Prozesses gegen die einer russischen Faschistengruppe namens BORN (“Kampforganisation der Russischen Nationalisten”) entstammenden Mörder des Anwalts Stanislaw Markelow und der Journalistin Anastasia Baburowa, dass russische Nationalisten nicht nur Gastarbeitern die Köpfe abgeschnitten haben, sondern auch von hohen Tieren im Kreml gedeckt wurden. Der Kremlideologie nahestehende Akteure wie Alexandr Dugin rufen offen dazu auf, “Ukrainer zu ermorden”. Aber diese Fakten bleiben für einen Großteil der europäischen Bevölkerung verborgen, sagt der Leiter der Monitoringgruppe für die Rechte Nationaler Minderheiten, der Autor des Buches “Nazismus in Russland”, Wjatscheslaw Lichatschew.

Die Russische Föderation behauptet, dass sie es war, die Europa vor dem Faschismus befreit hat, aber hat sie sich selbst von ihm befreit? Ist die Abwesenheit des russischen Präsidenten bei der Zeremonie in Auschwitz gerechtfertigt?

Die Frage der Rezeption der Tragödie des europäischen Judentums (des Holocausts), der Prozess der Aufarbeitung der Existenz des Dritten Reichs und seiner Politik, der in Europa stattgefunden hat, – das sind Fragen die für das moderne Russland völlig irrelevant sind, sogar an den Gedenktagen, die dem Sieg über den Faschismus gewidmet sind. Die ganze Erinnerungspolitik, die mit dem Sieg über den Faschismus verbunden ist, erfolgt in der Form einer Lobpreisung “unserer siegbringenden Waffen” – außerdem wird ein Gleichheitszeichen zwischen der Sowjetunion und Russland gesetzt. Und bekanntlich “hätte Russland den Krieg auch ohne irgendwelche Ukrainen gewonnen” [eine vor Kurzem getätigte Aussage Putins; der Üb.]. All das hat nichts damit zu tun, wie die Erfahrungen des Krieges in Europa wahrgenommen werden.

Vor zehn Jahren trat Putin aus Anlass der 60-jährigen Befreiung von Auschwitz mit einer flammenden Rede auf, in der er die Chuzpe besaß, kein einziges Mal die Wörter “Jude” oder “Holocaust” in den Mund zunehmen, sondern ausschließlich den russischen Befreiersoldaten lobte. Sowas passt überhaupt nicht zu den Lehren, die man in Europa aus der Vergangenheit und den Verbrechen der Nazis gezogen hat, und kann auch gar nicht passen, deswegen hat Putin in Auschwitz zur Zeit auch nichts verloren.

Im offiziellen Russland wird nicht nur nicht an die Juden im Zusammenhang mit dem Holocaust erinnert, sondern man besitzt auch eine eigene Vorstellung davon, wie der Faschismus zu behandeln ist. Auf einem offiziellen historischen Kongress wurde den Deutschen vorgeschlagen, die Ukrainer, welche mit der Kremlpolitik nicht einverstanden sind, als Faschisten zu betrachten. Gleichzeitig toleriert man in Russland nicht nur Faschisten, sondern unterstützt sie auch, die Geheimdienste schulen sie, sie besitzen Kuratoren im Kreml. Hat ein Phänomen wie der russische Faschismus die Aufmerksamkeit des Westens verdient, selbst wenn wir die Ukraine dabei ausklammern?

Natürlich hat der diese verdient, denn es handelt sich um eine bedeutende und gefährliche Erscheinung. Aber ich will einerseits auch nicht zu dick auftragen, denn die Anzahl der Verbrechen aus rassistischen oder nationalen Gründen, oder aus Gründen des ideologischen Hasses, z.B. gegen Antifaschisten, ist in Russland in den letzten Jahren zurückgegangen. Das Level der Gewalt bleibt hoch, möglicherweise sogar am höchsten in Europa, aber trotzdem nimmt es ab. Das ist teilweise das Resultat der Arbeit der Ordnungshüter, die mit faschistischen Gruppen im Untergrund kämpfen. Andererseits kämpft man zwar gegen sie, gleichzeitig werden sie aber “unter einem Deckel” gehalten, und in politischen Spielen eingesetzt, sogar von Vertretern der Präsidaladministration, wie wir das aus den Fakten erkennen können, die im Zuge des Prozesses gegen die Mitglieder der “Kampforganisation russischer Nationalisten” ans Tageslicht getreten sind.

Aber, wie Sie wissen, kann man den ukrainischen Faktor nicht ausklammern. Unter anderem kann man den Rückgang der Anzahl der aus Hass begangenen Verbrechen damit erklären, dass der radikalste und extremistischste Teil der russischen Nationalisten jetzt auf ukrainischem Territorium Ukrainer tötet – und nicht tadschikische Gastarbeiter und afrikanische Studenten auf den Straßen Moskaus oder Sankt Petersburgs.

Wenn wir über den Einfluss faschistischer Ideen auf die [russische] Gesellschaft als ganzes sprechen, dann kann man um so weniger davon sprechen, dass man die Ukraine “ausklammern” könnte. Denn die Ukraine ist Faktor Nummer 1 im Informationsraum, in dem sich die russischen Staatsbürger zur Zeit befinden. Das Ausmaß der Indoktrination des kollektiven Bewusstseins mit der ukrainischen Frage ist dermaßen hoch, dass vor diesem Hintergrund die Soziologen sogar eine Abnahme des Ausmaßes der Xenophobie gegenüber den Migranten aus Zentralasien und dem Kaukasus verzeichnen.

Auf diese Weise weicht der ukrainische Faktor die inneren Widersprüche der russischen Gesellschaft etwas auf, und senkt das Niveau der Xenophobie gegenüber anderen Gruppen, ausgenommen natürlich gegen die Ukrainer. Xenophobie des kollektiven Bewusstsein – das ist so ein Ding, das man leicht manipulieren kann, und es ist sehr stark von den aktuellen Bilder im Fernseher abhängig.

Was den Einfluss der russischen radikalen Nationalisten angeht, oder der Faschisten selbst, im Kreml angeht, so habe ich, wie auch die Mehrheit der Beobachter, in der Vergangenheit den tatsächlichen Grad des Einflusses ideologisch konsequenter, radikaler russischer Nationalisten wie Alexandr Dugin, unterschätzt. Er ist zwar die schillernste Figur und verbreitet ukrainophobische und letztendlich faschistische Ansichten am Unverblümtesten. Aber tatsächlich müssen wir von einer ganzen Reie ähnlicher Gestalten sprechen. Sie sind sowohl mit den europäischen Rechtsradikalen, als auch mit den russischen radikalen Nationalisten verbunden.

Eine vor Kurzem erschienene Publikation wirft ein Licht auf die Leute, die im Kreml auf die Entscheidungen im Bezug auf die Ukraine und andere ehemalige Sowjetstaaten Einfluss besitzen. Wenn wir die in diesem Essay genannten Fakten als eine stabile Tendenz betrachten, die sich vielleicht nicht offen, aber in Form einer christlich-orthodoxen, imperialen und konservativen Weltanschauung ziemlich ukrainophob und letztlich verächtlich zu allen postsowjetischen Ländern verhält, dann können wir sagen: ja, der radikale russische Nationalismus wird tatsächlich der bestimmende Diskurs nicht nur für die Bevölkerung, sondern auch für diejenigen, welche direkt am Entscheidungsprozess beteiligt sind. Und die Entscheidungen über die Aggression im Donbass, über die Annexion der Krim – das waren ideologisch motivierte Schritte. Ich fange an, die Worte Putins über die “Heiligkeit der Krim” ernst zunehmen, in dem Sinne, dass er wohl tatsächlich glaubt, was er sagt. Und daraus folgt eine völlige Irrationalität des Entscheidungsprozesses und eine Indoktrination der Leute im Kreml selbst, und zwar eben in jenem imperialen, nationalistisschen Geiste, und teilweise im fundamentalistisch christlich-orthodoxen Geist.

Mehr als ein halbes Jahr hat die westliche Presse die Spuren der Existenz von Faschisten in der Ukraine gesucht. Man suchte sie in der Regierung, im Parlament, in den Freiwilligenbataillonen, aber als man sie nicht fand, hat man die Aufmerksamkeit nicht auf die offen faschistischen Organisationen gerichtet, die in Russland am Werk sind, und deren Vertreter jetzt in der Ukraine kämpfen. Warum?

Erstens, weil Russland eine mächtige Propagandamaschinerie besitzt, die der Kreml in den letzten Jahren in Europa errichtet hat, bzw. überhaupt in der westlichen Welt. Und diese Maschine besitzt bedeutende Ressourcen, sowohl intellektueller, als auch finanzieller Natur, einschließlich der Korruption, welche das Eindringen russischen Kapitals in die europäische Politik mitsichbringt. Es ist sehr schwer für die Ukraine, dieser Maschine entgegenzustehen.

Zweitens – die Suche nach Faschisten auf dem Maidan gab den europäischen Politikern einen sehr günstigen Grund, ihr Nichthandeln zu rechtfertigen. Jeder Schritt, der zu einer Bändigung der russischen Aggression nötig wäre, würde Europa selbst sehr viel kosten. Es genügt darauf hinzuweisen, dass vor einem Jahr jedes zehnte Auto, das in Deutschland vom Fließband gelaufen ist, in Russland verkauft wurde. Die deutschen Politiker müssen daran denken.

Und letztlich ist es der europäischen Bevölkerung einfach nicht besonders interessant, was in Russland passiert. Man hat es bereits in eine Reihe mit dem kommunistischen China gestellt, dem islamistischen Iran und in die Peripherie der eigenen Interessen bewegt. Die Ukraine erweckt gesteigerte Aufmerksamkeit, da sie nach Europa drängt.

Interview: Maria Schtschur, RFE/RL.
Russische Übersetzung: Euroasiatischer Jüdischer Kongress